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Porno, Gaming, Shopping: Wenn Reizgewohnheiten aus dem Ruder laufen

Von Laurenz KochAktualisiert am 31. Oktober 20269 Min. Lesezeit

Als der Psychologe Cameron Sepah 2019 den Begriff „Dopamine Fasting“ prägte, dachte er nicht nur an das Handy. Auf seiner Liste standen auch Pornografie, Gaming, Glücksspiel und Kaufen. Diese Gewohnheiten haben eines gemeinsam: Sie bieten schnelle, oft unvorhersehbare Belohnungen, und sie sind heute rund um die Uhr nur einen Klick entfernt. Dieser Ratgeber ordnet sie sachlich ein, ohne Moralpredigt und ohne Panik, und zeigt, wann Selbsthilfe reicht und wann nicht.

Hinweis: Dieser Text ersetzt keine Beratung oder Behandlung. Wenn du trotz ernsthafter Versuche keine Kontrolle gewinnst, finanzielle Probleme entstehen oder du stark unter deinem Verhalten leidest, wende dich an eine Fachperson. Bei Glücksspiel gilt das immer.

Was diese Gewohnheiten gemeinsam haben

Kurz gesagt

Porno, Gaming und Online-Shopping folgen derselben Schleife aus Auslöser, Routine und Belohnung wie das Scrollen. Der Auslöser ist oft ein Gefühl wie Stress, Langeweile oder Einsamkeit. Die Belohnung ist schnell und häufig unvorhersehbar: das nächste Video, die nächste Beute im Spiel, das nächste Paket. Das macht sie so bindend.

Das Belohnungssystem reagiert stark auf Erwartung und Ungewissheit. Ein Spiel mit Beutekisten, ein Shop mit täglichen Angeboten, eine Plattform mit unendlich vielen Videos: Alle liefern die Ankündigung einer Belohnung, die mal groß, mal klein ausfällt. Dazu kommt die Verfügbarkeit. Was früher einen Weg in einen Laden, eine Spielhalle oder eine Videothek erforderte, ist heute auf dem Gerät in deiner Tasche.

Ein wichtiger Unterschied zur Handynutzung ist der Grad der Folgen. Beim Scrollen kostet es vor allem Zeit und Schlaf. Beim Shopping kann es Geld kosten, beim Glücksspiel sehr viel Geld. Bei Pornografie kommen manchmal Scham und Konflikte in Beziehungen dazu. Deshalb lohnt sich hier ein besonders ehrlicher Blick auf die Grenze zwischen Gewohnheit und Problem.

Pornokonsum: sachlich eingeordnet

Kurz gesagt

Pornokonsum ist weit verbreitet und für viele unproblematisch. Zum Problem wird er, wenn du die Kontrolle verlierst, andere Lebensbereiche leiden oder du stark darunter leidest. Die ICD-11 kennt dafür die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung. Der Begriff Pornosucht ist in der Forschung umstritten, das Leiden vieler Betroffener ist es nicht.

Ein interessanter Befund: Wie stark Menschen ihren Konsum als problematisch erleben, hängt in Studien nicht nur von der Menge ab, sondern auch davon, wie sehr der Konsum ihren eigenen Werten widerspricht. Wer aus moralischen oder religiösen Gründen ablehnt, was er tut, erlebt auch einen moderaten Konsum oft als Kontrollverlust. Das macht das Leiden nicht weniger real, aber es hilft bei der Einordnung: Manchmal ist die Frage nicht nur, wie viel, sondern auch, wie es zu dir passt.

Für die Selbstbeobachtung helfen dieselben Fragen wie beim Handy: Wann greifst du dazu? Nach welchem Gefühl? Wie fühlst du dich danach? Viele stellen fest, dass der Auslöser selten Lust ist, sondern Stress, Langeweile, Einsamkeit oder der Versuch einzuschlafen.

Gaming: Leidenschaft oder Störung?

Kurz gesagt

Viel zu spielen ist noch keine Störung. Die ICD-11 beschreibt die Computerspielstörung über drei Merkmale: verminderte Kontrolle, zunehmender Vorrang vor anderen Interessen und Pflichten und Weiterspielen trotz negativer Folgen, meist über mindestens zwölf Monate und mit deutlicher Beeinträchtigung.

Spiele können Gemeinschaft, Erfolgserlebnisse und Entspannung bieten. Kritisch wird es bei Mechaniken, die gezielt auf das Belohnungssystem zielen: Beutekisten mit Zufallsinhalten, tägliche Belohnungen für das Einloggen, Serien, die man nicht unterbrechen will. Sie verwandeln ein Spiel in eine Gewohnheitsschleife. Ein Warnzeichen ist, wenn du spielst, obwohl du keine Lust hast, nur um nichts zu verpassen.

Online-Shopping: der Klick ohne Reibung

Kaufen fühlt sich gut an, besonders die Erwartung: das Stöbern, der Warenkorb, die Versandbestätigung, das Paket. Online fehlt fast jede Reibung, gespeicherte Zahlungsdaten machen den Kauf zu einem Klick. Wer merkt, dass er vor allem kauft, um sich besser zu fühlen, dass Pakete ungeöffnet liegen bleiben oder dass die Käufe das Budget sprengen, sollte genauer hinsehen. Fachleute diskutieren eine Kaufstörung seit Jahren als eigenes Krankheitsbild.

Was du selbst tun kannst

Kurz gesagt

Die Prinzipien sind dieselben wie beim Handy: Umgebung vor Willenskraft, Reibung einbauen, Auslöser kennen, Ersatz bereitlegen und Rückfälle einplanen. Konkret heißt das: Zugänge erschweren, Zahlungsdaten löschen, Geräte aus dem Schlafzimmer, feste Zeiten und eine Alternative für das Gefühl dahinter.

  1. Die Schleife kennen

    Eine Woche lang auf Papier notieren: Uhrzeit, Ort, Gefühl davor, Gefühl danach. Du wirst drei bis fünf Situationen finden, die immer wieder vorkommen.

  2. Reibung einbauen

    Beim Shopping: Zahlungsdaten löschen, Shopping-Apps vom Handy, Newsletter abbestellen. Beim Gaming: das Spiel vom Handy, Konsole aus dem Schlafzimmer. Bei Pornografie: Filter oder Sperren im Browser, Geräte nachts außerhalb des Schlafzimmers. Jede Sekunde Aufwand unterbricht den Automatismus.

  3. Eine Sperre, deren Code jemand anderes kennt

    Damit wird die Umgehung sozial unangenehm statt technisch unmöglich. Das ist erstaunlich wirksam.

  4. Das Gefühl dahinter versorgen

    Bei Stress hilft Bewegung, bei Einsamkeit Kontakt, bei Langeweile eine Tätigkeit mit leichtem Widerstand. Ein Verbot ohne Ersatz lässt das Bedürfnis offen.

  5. Den Drang abwarten

    Ein Drang steigt an und flaut ab, auch ohne Nachgeben. Zehn Minuten Aufschub mit einem Timer, dazwischen etwas mit den Händen oder ein paar Schritte vor die Tür.

Für Gaming und Shopping gibt es eine zusätzliche einfache Maßnahme: eine Wartefrist. Alles, was du kaufen willst, bleibt 48 Stunden im Warenkorb. Jede Spielsitzung beginnt mit der Festlegung, wann sie endet, und ein Timer im Raum hält das fest. Mehr zur Mechanik von Gewohnheiten im Ratgeber Gewohnheit ändern.

Wann Selbsthilfe nicht reicht

Kurz gesagt

Hol dir fachliche Hilfe, wenn du trotz ernsthafter Versuche keine Kontrolle gewinnst, das Verhalten Arbeit, Beziehungen oder Finanzen beschädigt, du das Ausmaß verheimlichst oder du stark darunter leidest. Bei Glücksspiel und bei Käufen, die dich finanziell belasten, solltest du nicht warten.

Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis, örtliche Suchtberatungsstellen, die auch bei Verhaltenssüchten beraten, Sexualberatungsstellen und psychotherapeutische Sprechstunden. Bei Glücksspiel bietet check-dein-spiel.de eine anonyme Beratung. Bei Schulden hilft die Schuldnerberatung, oft kostenlos über Kommunen und Wohlfahrtsverbände. Und wenn unter dem Verhalten eine gedrückte Stimmung, starke Ängste oder Gedanken liegen, nicht mehr leben zu wollen, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar.

Reizverhalten ist oft nicht die Krankheit, sondern das Pflaster. Wer das Pflaster abzieht, ohne die Wunde zu behandeln, hat nichts gewonnen. Sich Hilfe zu holen ist keine Kapitulation, sondern im Buch ausdrücklich das vierzigste Werkzeug. Einen Selbsttest für dein Handy-Muster findest du im Handysucht-Test.

Mit Partnerin oder Partner darüber sprechen

Viele dieser Gewohnheiten sind mit Scham verbunden, besonders Pornografie und Käufe, die man verheimlicht. Scham ist ein schlechter Ratgeber, weil sie zum Verstecken führt und das Verstecken die Gewohnheit schützt. Wer in einer Beziehung lebt, gewinnt oft viel, wenn er das Thema anspricht, ohne sich zu zerfleischen. Hilfreich ist ein ruhiger Moment, nicht der Streit. Sprich darüber, was du beobachtet hast und was du ändern willst, nicht über Schuld.

Umgekehrt gilt: Wer sich Sorgen um den Konsum des Partners macht, erreicht mit Vorwürfen meist nur Verteidigung. Besser funktioniert es, über das zu sprechen, was fehlt, und gemeinsame Regeln vorzuschlagen, die für beide gelten, etwa Geräte nachts außerhalb des Schlafzimmers. Wenn das Thema die Beziehung stark belastet, kann eine Paar- oder Sexualberatung helfen.

Rückfälle richtig deuten

Wie beim Handy gilt auch hier: Ein Rückfall ist Information, kein Urteil. Der Schaden entsteht selten im Rückfall selbst, sondern in der Kapitulation danach, nach dem Motto „jetzt ist es auch egal“. Stell dir am nächsten Tag vier Fragen: Welcher Auslöser war es? Welche Leitplanke hat gefehlt? Was hätte im Moment geholfen? Was ist der kleinste Schritt, mit dem ich heute weitermache?

Und schließlich: Du musst nicht warten, bis es schlimm ist. Ein Gespräch mit einer Beratungsstelle ist auch dann sinnvoll, wenn du nur unsicher bist, ob dein Verhalten noch im Rahmen liegt.

Häufige Fragen

Gibt es Pornosucht als Diagnose?

Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation kennt die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung. Sie beschreibt ein anhaltendes Muster, intensive sexuelle Impulse nicht kontrollieren zu können, mit deutlichem Leidensdruck oder Beeinträchtigung. Pornokonsum kann Teil davon sein. Der Begriff Pornosucht selbst ist in der Fachwelt umstritten.

Ab wann ist Gaming eine Sucht?

Die ICD-11 beschreibt die Computerspielstörung über drei Merkmale: verminderte Kontrolle über das Spielen, zunehmende Priorität gegenüber anderen Interessen und Pflichten und Weiterspielen trotz negativer Folgen. Das Muster muss in der Regel über mindestens zwölf Monate bestehen und zu deutlicher Beeinträchtigung führen. Viel spielen allein ist keine Störung.

Ist Kaufsucht eine anerkannte Erkrankung?

Als eigene Diagnose ist sie in der ICD-11 nicht gelistet, Fachleute ordnen sie aber unter andere spezifische Impulskontrollstörungen ein und fordern eine stärkere Anerkennung. Für Betroffene zählt vor allem: Wenn Käufe dich finanziell belasten oder du dich dafür schämst, ist fachliche Hilfe sinnvoll.

Kann ich mit Dopamin-Fasten eine Pornosucht überwinden?

Bei einer eingeschliffenen Gewohnheit können Reizkontrolle und Umgebungsmaßnahmen viel bewirken. Wenn du trotz ernsthafter Versuche keine Kontrolle gewinnst, das Verhalten Beziehungen oder Arbeit beschädigt oder du stark darunter leidest, reicht Selbsthilfe nicht. Dann sind Sexual- oder Psychotherapie und Beratungsstellen der richtige Weg.

Wo finde ich Hilfe bei Glücksspiel?

Bei Glücksspiel solltest du immer fachliche Hilfe einbeziehen, weil es schnell um viel Geld gehen kann. In Deutschland bietet das Informationsangebot check-dein-spiel.de eine anonyme Beratung, dazu gibt es örtliche Suchtberatungsstellen. Auch die Hausarztpraxis kann weitervermitteln.

Sind Beutekisten in Spielen Glücksspiel?

Rechtlich ist das in vielen Ländern umstritten, psychologisch ähneln sie Glücksspiel stark: Man zahlt für ein zufälliges Ergebnis, das mal wertvoll, mal wertlos ist. Für Jugendliche sind solche Mechaniken besonders heikel. Wer merkt, dass er viel Geld dafür ausgibt, sollte Zahlungsdaten aus dem Spiel entfernen und sich Unterstützung holen.

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Quellen und weiterführende Literatur
  1. World Health Organization (2019): ICD-11, 6C51 Gaming disorder und 6C72 Compulsive sexual behaviour disorder. Genf: WHO.
  2. Grubbs, J. B., Perry, S. L., Wilt, J. A. & Reid, R. C. (2019): Pornography Problems Due to Moral Incongruence: An Integrative Model with a Systematic Review and Meta-Analysis. Archives of Sexual Behavior, 48, 397–415.
  3. Müller, A., Brand, M., Claes, L. et al. (2019): Buying-shopping disorder: is there enough evidence to support its inclusion in ICD-11? CNS Spectrums, 24(4), 374–379.
  4. Sepah, C. (2019): The Definitive Guide to Dopamine Fasting 2.0: The Hot Silicon Valley Trend. Online-Artikel, LinkedIn/Medium.
  5. Lembke, A. (2021): Dopamine Nation: Finding Balance in the Age of Indulgence. New York: Dutton.