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Doomscrolling stoppen: Warum schlechte Nachrichten so fesseln

Von Laurenz KochAktualisiert am 31. Oktober 20269 Min. Lesezeit

Es ist halb zwölf, du liegst im Bett, und eigentlich wolltest du nur kurz nachsehen, was in der Welt los ist. Eine Stunde später weißt du von drei Krisen, zwei Skandalen und einem Streit in den Kommentaren, und du bist hellwach und schlecht gelaunt. Doomscrolling nennt man dieses Muster. Dieser Ratgeber erklärt, warum es so schwer ist aufzuhören, und wie du informiert bleibst, ohne jeden Abend darin zu versinken.

Doomscrolling: Bedeutung und Definition

Kurz gesagt

Doomscrolling ist das zwanghafte Weiterscrollen durch schlechte oder beunruhigende Nachrichten, obwohl es einem dabei zunehmend schlechter geht. Typisch sind ein endloser Feed, das Gefühl, noch nicht genug zu wissen, und der Moment, in dem man aufschaut und feststellt, dass eine Stunde vergangen ist. Es ist kein Krankheitsbild, sondern ein verbreitetes Gewohnheitsmuster.

Der Begriff verbreitete sich 2020, als Pandemie-Nachrichten fast jeden Feed bestimmten. Seitdem ist er geblieben, weil das Muster geblieben ist: Kriege, Klimameldungen, politische Konflikte, Preissteigerungen. Es gibt immer einen neuen Grund zur Sorge, und es gibt immer noch einen Beitrag darüber. Das Besondere am Doomscrolling ist, dass es sich nicht wie Freizeit anfühlt, sondern wie Pflicht. Man hat das Gefühl, hinsehen zu müssen.

Warum schlechte Nachrichten so stark fesseln

Kurz gesagt

Drei Kräfte wirken zusammen. Dein Gehirn reagiert auf Bedrohungen besonders aufmerksam, weil das früher überlebenswichtig war. Weiterlesen erzeugt das Gefühl von Kontrolle, auch wenn keine entsteht. Und Plattformen verbreiten Inhalte, die starke Gefühle wie Empörung auslösen, besonders gut, weil sie mehr Reaktionen erzeugen.

Das erste ist uralt. Wer in einer gefährlichen Welt Bedrohungen schneller bemerkte, hatte einen Vorteil. Diese Wachsamkeit ist geblieben, und ein Feed voller Krisen spricht sie ununterbrochen an. Das zweite ist trügerisch: Jede neue Information verspricht, die Unsicherheit ein Stück kleiner zu machen. In Wahrheit liest man meist dieselbe Sorge in neuer Verpackung, und die Unsicherheit wächst eher, als dass sie schrumpft.

Das dritte ist ein Geschäftsmodell. Studien zu sozialen Netzwerken zeigten, dass moralisch und emotional aufgeladene Beiträge deutlich häufiger geteilt werden als nüchterne. Ein Feed, der danach sortiert, was Reaktionen erzeugt, landet zwangsläufig bei Empörung und Angst. Das ist keine Verschwörung, sondern die Folge einer einfachen Rechnung: Deine Aufmerksamkeit ist die Ware, und Aufregung bindet sie am zuverlässigsten.

Dazu kommt die Mechanik, die alle Feeds teilen: kein natürliches Ende, unregelmäßige Belohnungen und ein Belohnungssystem, das auf Erwartung reagiert. Mehr dazu im Grundlagen-Ratgeber Dopamin-Fasten und im Ratgeber Kurzvideos und Aufmerksamkeit.

Was Doomscrolling mit dir macht

Kurz gesagt

Befragungen zeigen einen Zusammenhang zwischen intensivem Doomscrolling und mehr Angst und geringerem Wohlbefinden, wobei die Richtung nicht immer klar ist. Unstrittig sind zwei Effekte: Abends verdrängt es Schlafzeit, und aufwühlende Inhalte halten das Nervensystem in Alarm, was das Einschlafen erschwert.

Ehrlich muss man sagen: Wer ohnehin besorgt ist, scrollt mehr, und wer mehr scrollt, wird besorgter. Beides verstärkt sich gegenseitig, und welche Richtung überwiegt, lässt sich aus Befragungen nicht sauber ablesen. Für deinen Alltag ist das aber weniger wichtig als eine einfache Beobachtung: Wie fühlst du dich nach einer Stunde Doomscrolling? Informierter? Ruhiger? Oder vor allem erschöpft und unruhig?

Besonders teuer ist der Abend. Jede Stunde im Feed ist eine Stunde, in der du nicht schläfst. Und ein Streit in den Kommentaren oder eine beunruhigende Meldung lassen den Körper in einem Zustand zurück, der mit Einschlafen schlecht vereinbar ist. Das wiegt schwerer als das blaue Licht des Bildschirms, über das so viel geredet wird.

Sofort aufhören: Was hilft, wenn du mittendrin bist

Kurz gesagt

Wenn du merkst, dass du festhängst, hilft ein bewusster Bruch über den Körper: aufstehen, das Handy in einen anderen Raum bringen, sechsmal lang ausatmen. Benenne, was du gerade fühlst, etwa Angst oder Ohnmacht. Und gib dir eine Erlaubnis für später statt eines Verbots für jetzt.

  1. Bemerken und aussprechen

    „Ich scrolle gerade schlechte Nachrichten, und es geht mir dabei schlechter.“ Der Satz klingt banal und schiebt einen Spalt zwischen dich und den Impuls.

  2. Das Gefühl benennen

    Nicht „ich bin gestresst“, sondern „ich merke gerade Angst“ oder „ich merke Ohnmacht“. Je genauer das Wort, desto leichter wird es, das Gefühl auszuhalten, statt es weiterzufüttern.

  3. Den Körper wechseln

    Aufstehen, Licht an, ein Glas Wasser. Vier Zählzeiten ein, acht aus, sechsmal. Der lange Ausatem bringt das Nervensystem herunter.

  4. Aufschieben statt verbieten

    „Ich lese morgen um acht weiter.“ Ein Aufschub erzeugt keinen Widerstand. Und morgen um acht wirst du feststellen, dass die Welt sich auch ohne dich weitergedreht hat.

Viele Menschen nutzen in solchen Momenten ein Notizbuch für die Sorgen, die sie wachhalten. Was aufgeschrieben ist, muss der Kopf nicht weiter festhalten, und du kannst es am nächsten Tag in Ruhe ansehen.

Dauerhaft weniger doomscrollen: die Umgebung umbauen

Kurz gesagt

Dauerhaft hilft nicht der Vorsatz, sondern eine Umgebung, in der der Feed nicht ständig verfügbar ist. Die wichtigsten Schritte: News-Benachrichtigungen abschalten, Nachrichten-Apps vom Startbildschirm nehmen, feste Nachrichtenzeiten einführen, das Handy nachts aus dem Schlafzimmer verbannen und den Feed gründlich aufräumen.

  • Eilmeldungen aus: Fast keine Eilmeldung verlangt eine sofortige Reaktion von dir. Die wenigen, die es tun, erreichen dich auch ohne Push.
  • Nachrichten mit Ende: Eine Abendsendung, ein täglicher Newsletter, eine Wochenzeitung. Formate, die aufhören, statt endlos nachzuladen.
  • Feste Zeiten: Ein- oder zweimal am Tag, nicht direkt nach dem Aufwachen, nicht im Bett.
  • Den Feed aufräumen: Konten entfolgen oder stummschalten, die dich regelmäßig empört oder verängstigt zurücklassen. Sei großzügig, du kannst jederzeit wieder folgen.
  • Das Handy nachts im Flur: Wer nachts aufwacht und zum Handy greift, landet zuverlässig in den Nachrichten. Mehr im Ratgeber Handy aus dem Schlafzimmer.

Wer abends besonders anfällig ist, kann das Handy für die letzte Stunde vor dem Schlafen in eine Box mit Zeitschloss legen. Die Entscheidung fällt dann einmal um zehn, nicht zwanzigmal bis Mitternacht. Und es hilft, eine Alternative bereitzulegen, die abends näher liegt als das Handy.

Informiert bleiben, ohne zu versinken

Ein häufiger Einwand lautet: Ich will doch wissen, was passiert. Das ist berechtigt. Es gibt gute Gründe, informiert zu sein, als Bürgerin, als Wähler, als Teil einer Gesellschaft. Aber Informiertsein und Doomscrolling sind zwei verschiedene Dinge. Das eine ist eine bewusste Entscheidung mit Anfang und Ende. Das andere ist ein Sog ohne Ziel.

Ein guter Prüfstein ist die Frage: Was mache ich mit dieser Information? Wenn die Antwort „nichts, außer mich weiter zu sorgen“ lautet, hast du die Grenze überschritten, an der Information noch nützt. Wer etwas tun will, findet mehr Wirkung in einer konkreten Handlung, einer Spende, einem Ehrenamt, einem Gespräch mit Nachbarn, als in der dreißigsten Meldung zum selben Thema.

Und manchmal hilft es, sich klarzumachen, dass Sorgen nicht dadurch verantwortungsvoll werden, dass man sie ständig auffrischt. Die Welt braucht nicht deine Daueraufmerksamkeit um Mitternacht. Sie braucht Menschen, die ausgeschlafen genug sind, um am nächsten Tag handeln zu können.

Wann aus Sorge mehr wird

Doomscrolling ist für die meisten eine Gewohnheit, die sich mit Umgebungsmaßnahmen gut regulieren lässt. Wenn aber Sorgen über Wochen den Schlaf rauben, Grübeln sich nicht mehr stoppen lässt, Ängste deinen Alltag einschränken oder du dich dauerhaft niedergeschlagen fühlst, ist das ein Fall für fachliche Unterstützung. Die Hausarztpraxis ist ein guter erster Schritt, eine psychotherapeutische Sprechstunde ein guter zweiter. Wer prüfen will, wie stark sein eigenes Muster ist, findet einen Einstieg im Handysucht-Test.

Ein letzter praktischer Hinweis: Viele Menschen doomscrollen nicht in der Nachrichten-App, sondern in sozialen Netzwerken, wo Meldungen, Meinungen und Empörung ineinanderlaufen. Dort hilft es besonders, den Feed gründlich aufzuräumen und Konten stummzuschalten, die vor allem Alarm verbreiten. Nach einer Woche merkst du meist, dass du kaum etwas Wichtiges verpasst hast, aber deutlich ruhiger einschläfst.

Häufige Fragen

Was bedeutet Doomscrolling?

Doomscrolling beschreibt das zwanghafte Weiterlesen schlechter Nachrichten am Bildschirm, obwohl es einem dabei zunehmend schlechter geht. Der Begriff verbreitete sich vor allem 2020 während der Pandemie. Er setzt sich aus dem englischen „doom“ für Unheil und „scrolling“ zusammen.

Warum kann ich nicht aufhören, schlechte Nachrichten zu lesen?

Weil dein Gehirn auf Bedrohungen besonders stark reagiert und das Gefühl erzeugt, mehr Information bringe Kontrolle. Dazu kommen Feeds ohne Ende und Plattformen, die aufwühlende Inhalte bevorzugt verbreiten. Das Weiterlesen fühlt sich wie Vorbereitung an, ist aber meist nur Wiederholung derselben Sorge.

Ist Doomscrolling schädlich?

In Befragungen hängt intensives Doomscrolling mit mehr Angst und schlechterem Wohlbefinden zusammen, die Richtung ist aber nicht immer klar: Wer besorgt ist, scrollt mehr, und wer mehr scrollt, ist besorgter. Unstrittig ist, dass es abends Schlafzeit verdrängt und das Nervensystem in Alarm hält, was das Einschlafen erschwert.

Wie bleibe ich informiert, ohne doomzuscrollen?

Mit festen Nachrichtenzeiten und Formaten, die ein Ende haben: eine Nachrichtensendung, ein täglicher Newsletter, eine Wochenzeitung. Lies einmal oder zweimal am Tag zu einer festen Zeit, nicht nach dem Aufwachen und nicht im Bett. Was wirklich wichtig ist, erreicht dich auch so.

Was mache ich, wenn mich die Nachrichten nicht mehr loslassen?

Wenn Sorgen über Wochen den Schlaf rauben, sich Grübeln nicht mehr stoppen lässt oder du dich dauerhaft niedergeschlagen fühlst, sprich mit deiner Hausarztpraxis oder einer psychotherapeutischen Fachperson. In akuten Krisen erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111.

Hilft es, Nachrichten-Apps zu löschen?

Für viele ja, besonders wenn die App mit Eilmeldungen arbeitet. Wer weiterhin informiert sein will, ersetzt die App durch ein Format mit Ende, etwa eine Abendsendung oder einen täglichen Newsletter. Wichtig ist, auch den Weg über den Browser und die sozialen Netzwerke zu entschärfen, sonst landet man über einen Umweg wieder im Feed.

Weiterlesen

Quellen und weiterführende Literatur
  1. Sharma, B., Lee, S. S. & Johnson, B. K. (2022): The dark at the end of the tunnel: Doomscrolling on social media newsfeeds. Technology, Mind, and Behavior, 3(1).
  2. Brady, W. J., Wills, J. A., Jost, J. T., Tucker, J. A. & Van Bavel, J. J. (2017): Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. PNAS, 114(28), 7313–7318.
  3. Exelmans, L. & Van den Bulck, J. (2016): Bedtime mobile phone use and sleep in adults. Social Science & Medicine, 148, 93–101.
  4. Bowen, S. & Marlatt, A. (2009): Surfing the urge: Brief mindfulness-based intervention for college student smokers. Psychology of Addictive Behaviors, 23(4), 666–671.
  5. Dobelli, R. (2019): Die Kunst des digitalen Lebens. München: Piper.